Was Social Media mit unserem Essverhalten macht

Meine Perspektive als Ernährungsfachkraft

Soziale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken – und sie beeinflussen nicht nur, wie wir uns informieren, sondern auch wie wir essen und über unseren Körper denken. Studien zeigen, dass über 90 % der Jugendlichen Social-Media-Plattformen nutzen und dass intensivere Nutzung oft mit ungünstigen Essverhaltensweisen und Körperbildproblemen einhergeht. Gleichzeitig prägen Instagram, TikTok & Co. stark, was junge Menschen als „gesund“ oder „erstrebenswert“ ansehen.

In diesem Artikel möchte ich meine persönliche perspektive als Ernährungsfachkraft, die sich viel mit Medienkonsum und seiner Auswirkung befasst hat, darlegen. Dabei gehe ich sowohl auf negative als auch auf positive Seiten von Social Media in Bezug auf das Essverhalten ein.

Glow-Up-Content zum Jahresbeginn

Alle Jahre wieder… kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch Glow-Up-Content auf TikTok, Instagram, YouTube und co. Influencer zeigen uns, wie sie sich optisch verwandelt haben. Natürlich nur zum Besten – schlank, reine Haut, gesunder Teint, glänzende Haare, neues Outfit. Meist ist der Kontrast zu vorher extrem und wird durch Bildbearbeitung und Schnitt noch deutlicher betont. Es ist die klassische Geschichte vom „hässlichen Entlein zum wunderschönen Schwan.“ Und diese optische Verwandlung wird mit Millionen von Aufrufen belohnt. Für viele dient solcher Content als Inspiration, gerade zum Jahresbeginn: „Das schaffe ich auch“ „Ich kann mich ebenso verwandeln!“ „Dieses Jahr klappt es!“ So werden eisenharte Trainingspläne und extreme Diäten gestartet, um möglichst schnell dem Ideal näherzukommen. Für Influencer:innen ist das die beste Werbung: Sie können alles vermarkten, was ihnen vermeintlich auf ihrem Weg geholfen hat.

Umso größer fällt die Enttäuschung dann aus, wenn die hehren Ziele vom Jahresbeginn am Ende nicht eingehalten werden konnten. Dann eben im nächsten Jahr. Man muss sich nur mehr anstrengen, oder?

Zwischen Inspiration und Überforderung: Beim Scrollen verschwimmen Realität, Vergleich und Ideal oft unbemerkt.

Körperbild, Ideale und Vergleiche

Die sozialen Medien (und nicht nur diese) sind voll von Bildern von Körperidealen. Man kommt praktisch gar nicht daran vorbei. Was als attraktiv gilt, wird dabei stark von Trends beeinflusst. Schlank sein als erstrebenswertes Idealbild hält sich dabei seit Jahrzehnten aufrecht. Wie schlank, das variiert dabei etwas. Aktuell lässt sich wieder der Trend hin zu dem bereits Anfang der 2000er Jahre bekannt gewordenen „Heroin-Chic“ beobachten. Wie der unrühmliche Name schon vermuten lässt, handelt es sich dabei um ein ungesund dünnes Körperideal. Untergewichtigkeit, die an Drogenmissbrauchsopfer erinnert als „Chic“ – das ist in sich schon ein problematisches Bild, das hier gezeichnet wird. Und dennoch wird dieses, wie auch andere unrealistische Körperideale über soziale Medien millionenfach reproduziert: Durch (Instagram-) Models und Influencer:innen, die längst nicht mehr immer reale Personen sein müssen.

Vergleiche, Druck und Stress

Diese dauernde Konfrontation mit Schönheitsidealen löst automatisch aus, dass wir uns vergleichen und gerade (aber nicht nur) bei jungen Menschen der Wunsch entsteht, dieses auch zu erreichen. Denn mit diesem Ideal gehen vermeintlich Anerkennung und Erfolg einher.

Wie kann dieses Ideal erreicht werden? Unter anderem mit Diäten. Und passend zum Körperideal ist auch der Markt davon voll. Vor allem mit Diäten, die einen schnellen Erfolg versprechen. Egal wie extrem der Ansatz oder wie schädlich die Auswirkungen sein können. Alles wird dem einen Ziel untergeordnet, um dazuzugehören. Immerhin lassen es Influencer:Innen auch so einfach aussehen.

Verglichen werden hier also nicht nur Körper, sondern auch die dazu passende Lebensweise und Disziplin. „Was ich an einem Tag esse“-Videos haben zum Teil Millionen von Aufrufen. Besonders dann, wenn auf dem Thumbnail eine besonders schlanke Silhouette zu sehen ist. Über mögliche Folgen von Mangelernährung oder die Tatsache, dass jeder Körper einen anderen Energieverbrauch hat, wird dabei in der Regel nicht aufgeklärt. Stattdessen gibt es lieber zehn „hilfreiche“ Tipps, um den Hunger möglichst lange hinauszuzögern.

Besonders perfide wird es, wenn dieses Verhalten dann auch noch als „gesund“ betitelt wird. Oder wenn scheinbar perfekt geplante Mahlzeiten gezeigt werden, in denen Hunger, Stress oder soziale Realität keinen Platz haben. So wächst der Druck, sich daran zu orientieren und dies als normal zu empfinden. Geht es einem dabei schlecht? Dann hat man sich wohl nicht genug angestrengt – oder mit dem Mindset stimmt etwas nicht. Also braucht es ein noch strengeres Regelwerk. Eine neue Diät. Mehr Verzicht.

Ich kenne das selbst. Auch ich habe früher viel Zeit damit verbracht, den perfekten Ernährungsplan zu erstellen, der zu diesen Idealen passen sollte. Das war vor allem eins: anstrengend.

KI-Bilder und ihre Wirkung

KI ist für viele bereits fester Bestandteil des Alltags geworden. ChatGPT dient als Ratgeber und manchmal sogar als Therapeut und an Chatbots hat man sich schon gewöhnt (wenn auch häufig ungern). Auch Plattformen wie Pinterest sind voll von KI-generierten Bildern. In leuchtenden Farben und beinahe abstrakten Formen werden nicht nur Personen, sondern auch Essen präsentiert. Nicht immer erkennt man dabei sofort, dass es sich nicht um echte Fotos handelt.

Dieses Bild zeigt kein echtes Essen, sondern ein KI-generiertes Ideal: perfekt angerichtet, leuchtend, makellos – und für die meisten im Alltag nicht reproduzierbar.

Diese immer wieder gezeigte Perfektion macht etwas mit uns. Wir verlieren den Bezug dazu, wie echtes Essen aussieht. Wer kann schon selbst etwas derart farbenprächtig und perfekt anrichten, wie KI es aussehen lässt? Da ist Enttäuschung praktisch vorprogrammiert. Von Körperbildern ganz zu schweigen. Bei manchen Bildern habe ich mich gefragt, wo bei so einer Taille eigentlich die Organe Platz finden sollten…

Ich sehe hier ein wachsendes Risiko für eine zunehmend verzerrte Wahrnehmung der Realität. Und damit immer mehr unrealistischen Ansprüchen – sowohl an den eigenen Körper als auch an Ernährung. Wenn sich Erwartungshaltung und Realität beim Essen immer weiter voneinander entfernen, kann echter Genuss und die Wertschätzung für Lebensmittel über das Streben nach Perfektion verloren gehen.

Toxische Kommentare

Neben stillen Vergleichen spielt auch die öffentliche Bewertung durch andere eine große Rolle. Wer sich unter Bildern auf nahezu jeder Social Media-Plattform in den Kommentaren umschaut, dem ist der oft raue Ton sicher schon aufgefallen. Muss die eigene Identität nicht preisgegeben werden, scheint das für manche eine Art Freifahrtschein zu sein, respektlos und beleidigend zu werden. Immerhin hat die Person das Bild ja freiwillig hochgeladen – dann müsse sie jetzt auch mit allem rechnen.

Besonders häufig richten sich solche Kommentare dabei auf das äußere Erscheinungsbild und reichen von offen beleidigend bis hin zu passiv aggressiv: „Ich finde es toll, dass du dich traust, dich so zu zeigen.“ Klingt zunächst nett. Tatsächlich steckt darin jedoch eine negative Bewertung. „Dich so zu zeigen“ impliziert, dass „so“ etwas ist, wozu man sich erst überwinden muss – statt sich einfach wohlzufühlen. Solche Kommentare sind oft verletzender als direkte Beleidigungen, weil sie uns auf einer tieferen emotionalen Ebene treffen.

Dass das für den oder die Betroffene:n extrem belastend ist, steht außer Frage. Darüber hinaus senden solche Kommentare aber auch deutliche Signale an alle, die mitlesen. Gerade abwertende Kommentare erhalten oft viel Aufmerksamkeit – sei es durch Zustimmung oder durch Verteidigung. So wird es normal, Körper und Gesichter öffentlich zu bewerten. Ganz egal, ob danach gefragt wurde, oder nicht.

Für Viele beginnt hier erneut die Vergleichsspirale. Sehe ich auch so aus? Wenn diese Person schon „nicht schön genug“ ist – wie soll ich da bestehen? Der Druck sich anzupassen, verstärkt sich durch diese soziale Ebene noch weiter. Das wird oft unterschätzt, ist aber ein entscheidender Faktor, der das Essverhalten beeinflusst. Denn jeder Veränderungsprozess – ob hilfreich oder schädlich – beginnt mit einer Absichtsbildung: Man erkennt ein vermeintliches Problem am eigenen Körper und sucht eine Lösung. Häufig in Form einer Diät.

Romantisierung von Essstörungen und psychischen Erkrankungen

Jetzt kommen wir zu einem besonders heiklen Thema. Immer wieder beobachte ich, wie in den sozialen Medien Essstörungen, aber auch Depression, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen und andere psychische Erkrankungen verharmlost oder sogar romantisiert werden. Das sogenannte „Sad-Girl-Image“ ist nur ein Beispiel dafür. Statt aufzuklären, werden ernste Erkrankungen als etwas dargestellt, dass geheimnisvoll, nachdenklich oder besonders interessant wirken soll. Dass es wichtig ist, sich Hilfe zu suchen – und zwar am besten frühzeitig – wird dabei oft nicht thematisiert.

Bezogen auf unser Thema wird es besonders problematisch, wenn Essstörungen nicht nur normalisiert, sondern sogar als etwas erstrebenswertes dargestellt werden – ohne Einordnung oder Hinweis auf mögliche Folgen. Das halte ich für äußerst bedenklich, insbesondere mit Blick auf die junge und leicht beeinflussbarere Zielgruppe. Häufig beginnt das im Kleinen: Mit sogenannten „Diättricks“, die zwangsläufig zu einer Unterversorgung mit Energie und Nährstoffen führen müssen. Auf mich als Fachkraft wirkt so etwas wie die Anleitung zum Einstieg in ein problematisches Essverhalten. Eine ausreichende Versorgung mit einer Süßkartoffel und einem halben Apfel pro Tag ist schlicht nicht möglich.

Gerade Influencer:innen mit großer Reichweite tragen hier eine besondere Verantwortung – insbesondere gegenüber ihrer jungen Community. Vorbild sein bedeutet auch, sich bewusst zu machen, dass gezeigtes Verhalten nachgeahmt wird. Für mich als Fachkraft ist schwer nachvollziehbar, warum eine offenbar belastete Beziehung zum Essen oder zum eigenen Körper ungefiltert an tausende junge Menschen weitergeben wird. Vielen ist dabei vermutlich nicht bewusst, dass ihr eigenes Essverhalten weder normal noch gesund ist – Aus Gründen, die ich in diesem Artikel bereits beschrieben habe. So verschwimmen die Grenzen zunehmend: Was sind hilfreiche Impulse – und wo beginnen ungesunde Extreme?

Bei aller Kritik: Was Social Media auch geben kann

Nachdem wir uns nun viele problematische Aspekte von Social Media angeschaut haben, entsteht schnell ein sehr negatives Bild. An dieser Stelle möchte ich die positiven Seiten jedoch nicht unerwähnt lassen. Denn auch diese gibt es – und für mich gehören sie genauso in diesen Artikel wie meine Kritikpunkte.

Social Media kann eine wertvolle Quelle für Inspiration sein. Sei es nun für Rezeptideen oder für die Alltagsgestaltung rund um Ernährung. Es gibt viele Influencer:innen, die hilfreiche Impulse teilen und sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Solche Inhalte können entlastend wirken und auf eine gesunde Weise motivieren – gerade im Kontrast zu den hier bereits genannten Gegenbeispielen.

Nicht perfekt, aber alltagstauglich: Solche Inhalte können entlasten und Inspiration statt Druck bieten.

Auch den Austausch und die Bildung von Communities sehe ich als große Chance: für positive Veränderung und Motivation auf dem Weg zu einem wirklich gesunden Essverhalten. Es kann viel ausmachen, die Erfahrungen anderer zu lesen, wenn man sich von einer schädlichen Diätkultur lösen möchte. Gerade in herausfordernden Phasen kann der Rückhalt aus einer solchen Community der Grund sein dranzubleiben – und sich nicht wieder in die Abwärtsspirale aus Vergleichen, Zwang und Druck zu begeben.

Natürlich bleibt dabei immer die Gefahr, dass Motivation in Druck kippt. Umso wichtiger ist es, das eigene Nutzungsverhalten regelmäßig zu reflektieren.

Einordnung statt Schuldzuweisung – mein Fazit

Dieser Artikel beschäftigt sich mit einem Thema, das mich als Ernährungsfachkraft immer wieder bewegt – und auch frustriert. In meiner Arbeit begegnen mir viele Menschen, deren Essverhalten stark durch Social Media geprägt wurde. Der Wunsch, einem bestimmten Ideal näherzukommen, führt nicht selten zu immer strengeren Diäten und letztlich in einen Kreislauf aus Verboten, Kontrolle und moralischer Bewertung von Lebensmitteln. Daraus wieder herauszufinden, ist allein oft sehr schwierig.

Social Media kann diesen Prozess zusätzlich verstärken. Algorithmen sorgen dafür, dass immer mehr ähnliche Inhalte ausgespielt werden – häufig genau jene, die schnelle Lösungen, extreme Ansätze oder vermeintliche Ideale versprechen. Das Ergebnis kann ein verzerrtes Bild davon sein, was eine gesunde Ernährung eigentlich ausmacht, und ein belastetes Verhältnis zum eigenen Körper oder zum Essen. In der Ernährungsberatung stoßen wir hier oft an Grenzen, zumal zusätzliche therapeutische Unterstützung vielerorts schwer zugänglich ist.

Dabei hätte Social Media durchaus das Potenzial, zu informieren, zu entlasten und positive Veränderungen zu unterstützen. Umso wichtiger wird der eigene Schutz. Ein bewusster, reflektierter Umgang mit Inhalten ist eine Kompetenz, die erlernt werden kann und die ich als Fachkraft ausdrücklich empfehle. Je besser wir problematische Inhalte erkennen, desto eher können wir uns davon distanzieren – durch Entfolgen, Ausblenden oder bewusstes Nicht-Weiterkonsumieren.

Gleichzeitig braucht es aus meiner Sicht auch strukturelle Verantwortung: bessere Schutzmechanismen auf Plattformen, eine deutlichere Kennzeichnung von KI-Inhalten und eine kritischere Prüfung potenziell schädlicher Inhalte. Ebenso wünsche ich mir von Content-Ersteller:innen einen verantwortungsvolleren Umgang mit ihrer Reichweite. Es macht einen Unterschied, ob persönlicher Alltag gezeigt wird oder ob man sich als Ratgeber:in für „gesunde Ernährung“ positioniert – gerade ohne Einordnung.

Social Media hat einen spürbaren Einfluss auf unser Essverhalten und unsere Beziehung zum Essen. Umso wichtiger ist es, Inhalte nicht unkritisch zu übernehmen, sondern einzuordnen, zu hinterfragen und die eigenen Bedürfnisse wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht Perfektion, sondern Orientierung, Selbstfürsorge und Realität sollten dabei leitend sein.


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